Example #561
Example*
What is given as example?
Zwei Herren Lederer begegnen sich; Patient S. Freud
Denotation/Meaning*
What is the example associated with? What does it stand for?
den eigenen Namen an einem Fremden finden
Marker
How is the example indicated? ('e.g.', 'for instance', paranthesis etc.)
Das Schönste; Das seltsamste Beispiel
Quotation*
Passage in the text; without quotationmarks.

Ein beständiger Strom von ›Eigenbeziehung‹ geht so durch mein Denken, von dem ich für gewöhnlich keine Kunde erhalte, der sich mir aber durch solches Namenvergessen verrät. Es ist, als wäre ich genötigt, alles, was ich über fremde Personen höre, mit der eigenen Person zu vergleichen, als ob meine persönlichen Komplexe bei jeder Kenntnisnahme von anderen rege würden. Dies kann unmöglich eine individuelle Eigenheit meiner Person sein, es muß vielmehr einen Hinweis auf die Art, wie wir überhaupt ›anderes‹ verstehen, enthalten. Ich habe Gründe anzunehmen, daß es bei anderen Individuen ganz ähnlich zugeht wie bei mir. Das Schönste [in den Fassungen von 1901 und 1904 steht: Das seltsamste Beispiel...] hat mir als ein eigenes Erlebnis ein Herr Lederer berichtet. Er traf auf seiner Hochzeitsreise in Venedig mit einem ihm oberflächlich bekannten Herrn zusammen, den er seiner jungen Frau vorstellen mußte. Da er aber den Namen des Fremden vergessen hatte, half er sich das erstemal mit einem unverständlichen Gemurmel. Als er dann dem Herrn, wie in Venedig unausweichlich, ein zweitesmal begegnete, nahm er ihn beiseite und bat ihn, ihm doch aus der Verlegenheit zu helfen, indem er ihm seinen Namen sage, den er leider vergessen habe. Die Antwort des Fremden zeugte von überlegener Menschenkenntnis: Ich glaube es gern, daß sie sich meinen Namen nicht gemerkt haben. Ich heiße wie Sie: Lederer!
– Man kann sich einer leicht unangenehmen Empfindung nicht erwehren, wenn man seinen eigenen Namen bei einem Fremden wiederfindet. Ich verspürte sie unlängst recht deutlich, als sich mir in der Sprechstunde ein Herr S. Freud vorstellte.

 

Cited from*
The publication (book, article etc.) the text is taken from
Sigmund Freud. Zur Psychopathologie des Alltagslebens. Über Vergessen, Versprechen, Vergreifen, Aberglaube und Irrtum. Einleitung von Riccardo Steiner. Frankfurt am Main, 2009
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