Example #881
Example*
What is given as example?
die Silhouette (1) und das Relief (2)
Denotation/Meaning*
What is the example associated with? What does it stand for?
zeichnerische (1) und plastisch-malerische (2) Verhaltensart des "Schauens" als ein gleichsam mit der Fingerspitze die Umrisse Nachweisen (1), und als ein den Flächen/Anschwellungen/Vertriefungen des Gegenstandes gleichsam mit der breiten Hand Nachfahren (2)
Marker
How is the example indicated? ('e.g.', 'for instance', paranthesis etc.)
als anziehende Exempel hierfür dienen
Quotation*
Passage in the text; without quotationmarks.

Es gibt ein Sehen ohne besondere Anstrengung, ein blosses Hinsehen, dem nur insofern eine physische Thätigkeit zu Grunde liegt, als gewisse Nervengruppen in Spannung versetzt werden. Und zwar meine ich hier nicht jene punktuelle Concentration des Blickes, wobei wir von allem Umgebenden abstrahierend nur diesen Einen Theil des Ganzen, ähnlich wie der zielende Schütze, fixiren. Dies ist abstraktes Zwecksehen und kann hier bloss in dem Grade von Belang sein, in welchem der angeschaute Theil doch hinreichenden Umfang hat, um für die Anschauung als ein an sich selbst unterscheidbares οργανον (Stein, Welle, Blatt, Zweig, Busch) zu gelten. Es handelt sich hier um das einfache Aufnehmen des sich darstellenden Bildes, um das gerade, breite, unpointirte Vordringen zum Ganzen der Erscheinung; oder, objektiv gesprochen, um den ruhigen Abdruck, um die Photographie des Gegenstandes in unserem Auge. [...] Dieses einfache ›Sehen‹ ist immer ein verhältnissmässig unbewusster Vorgang; denn der erhaltene Eindruck ist noch unbesondert. Es ist weiter nichts als ein träumerischer Schein vom Ensemble. -- Allein hiermit haben wir den nothwendigen Anfang aller concreten Raumerfassung; das ist ja eben die Eigenschaft des räumlichen Objektes, dass es der menschlichen Wahrnehmung als einiges Nebeneinander und daher auch als plötzliche Präsentation seiner Idee erscheint. Unser Leib erhält so mit einem Schlage eine unmittelbare cumulative Einheit von Nervenschwingungen, unsere Seele den ersten ahndevollen Blitz intimer Auffassung. Und wir können hier schon darauf hinweisen, dass dies auch der erste ominöse Schritt aller Kunstanschauung ist: Ein Künstler muss ›Blick‹ haben.

Nun gilt es aber, diese dunkle Ballung des Eindruckes aufzulösen, und sich in ihren Verhältnissen zu orientiren. Dies geschieht, indem wir den Augapfel durch Muskel-Thätigkeit in Bewegung versetzen, indem wir uns die Dinge besehen, indem wir ›schauen‹. Das Schauen ist ungleich bewegter als das Sehen, weil es nicht bloss wie dieses auf der naturnothwendigen Spannung nach einer relativen Gesammtheit beruht, sondern mit Anschluss an die einzelnen Dimensionen den Blick auf und ab, links und rechts schweifen lässt. -- Und zwar sind hiebei zwei Verhaltungsarten zu unterscheiden: das Eine Mal ist es ein Linienziehen, wobei ich mir haarscharf, gleichsam mit der Fingerspitze die Umrisse nachweise, das andere Mal -- und dies das Natürliche, weniger Reflektierte -- ist es ein Anlegen von Massen, wobei ich den Flächen, Anschwellungen und Vertiefungen eines Gegenstandes, den Bahnen der Beleuchtung,*den Halden, Rücken, Mulden des Gebirges gleichsam mit der breiten Hand nachfahre.** In beiden Fällen kann ein sprungweiser, punktirender (Lichtpunkte im Gebüsch) oder ein zügiger, fliessender Bewegungsverlauf vorherrschen.

Das Schauen ist bewusster als das Sehen, weil es die Formen dialektisch (d.h. in auflösender und wieder zusammenfassender Weise) untersuchen und in einen mechanischen Zusammenhang bringen will. Das Schauen erst ermöglicht eine volle künstlerische Darstellung; denn mit dieser Bewegung geht, wie sich zeigen wird, Hand in Hand ein antreibendes Beleben der todten Erscheinung, ein rhythmisches Beschwingen und Flottmachen.

Und jetzt, nachdem ich dem Schauen Genüge gethan, wiederholt sich der Eindruck des Sehens in einer höheren Weise. Was ich scheinbar getrennt, habe ich zusammengefasst zu einer geordneten und beruhigten Einheit. Ich habe wieder ein geschlossenes Gesammtbild, aber ein entwickeltes, ein durchfühltes. Das »Werde«, das ich dem chaotischen Sein zugerufen, hat Licht gebracht und siehe, es war gut.

 

* Auch Licht und Farbe können auf ihre räumlichen Stellungen und Dimensionen hin betrachtet werden.

** Das erste ist das zeichnerische, das zweite ist das plastisch-malerische Verhalten. Als anziehende Exempel dienen hierfür die Silhouette und das Relief nach seinen verschiedenen Entwicklungsformen.

 

 

Cited from*
The publication (book, article etc.) the text is taken from
Robert Vischer. Über das optische Formgefühl. Ein Beitrag zur Ästhetik. Leipzig: Hermann Credner, 1873
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1-3 (Beispiele in der Fußnote, S. 2)
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Über die Formen der räumlichen Auffassung
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