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Publikationen

2013 im diaphanes-Verlag erschienen ist der Band Archiv des Beispiels. Vorarbeiten und Überlegungen.

Umschlagbild

Tagungen

Tangibilität

Handgreifliche Beispiele ästhetischen Wissens

12.-14. Juli 2017
Blue Square, Bochum & Campus FernUni, Hagen
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Archiv des Beispiels

Tangibilität. Handgreifliche Beispiele ästhetischen Wissens

Internationale Tagung
12.-14. Juli 2017
Ruhr-Universität Bochum, FernUniversität in Hagen
Peter Risthaus / Jessica Güsken

Tagungsorte

12.7.17: Blue Square, Kortumstraße 90, Bochum

13./14.7.17: Campus FernUni, Hagen (AVZ-Gebäude)

Termin

12. Juli 2017 13. Juli 2017 14. Juli 2017
14:00 - 19:00 Uhr 09:30 - 19:00 Uhr 09:00 - 16:00 Uhr

Tagungsprogramm:


[Programm]

Mit:

Prof. Dr. Rüdiger Campe
Prof. Dr. Natalie Binczek
Prof. Dr. Thomas Bedorf
Prof. Dr. Werner Hamacher
Prof. Dr. Mika Elo
Prof. Dr. Volker Kaiser
Prof. Dr. Thomas Schestag
Dr. Patricia Gwozdz
Dr. Yvonne Al-Taie
Carolin Blumenberg, M.A.
Dr. Matthias Hennig
Kathrin M. Lagatie, M.A.
Regina Karl, M.A.
Selin Gerlek, M.A.
Dr. Kentaro Kawashima
Dr. Lars Bullmann
Martin Seidensticker
Nathan Taylor, M.A.
Dr. Christian Lück

Veranstalter

Die Tagung wird veranstaltet von Dr. Peter Risthaus und Jessica Güsken, M.A., in Kooperation mit Prof. Manfred Schneider und Prof. Michael Niehaus.

Tagungsexposé

[…] um an das Allerhandgreiflichste anzuknüpfen […].
(Theodor W. Adorno)

Kurzbeschreibung: Die Tagung fragt in einer Reihe von Vorträgen und einem anschließenden Workshop nach dem grundsätzlichen Verhältnis zwischen Tast- und Sehsinn und wie es sich in Beispielen aus dem ästhetischen Wissen seit der Aufklärung darstellt. Damit ist nicht nur die philosophische Disziplin im engeren Sinne gemeint, sondern jede Reflexion, die dieses Verhältnis durch Beispiele vermittelt. Das gilt insbesondere, wenn der Leser dazu aufgefordert wird, selbst ›handgreiflich‹ zu werden oder das gerade zu unterlassen: Der Gestalttheoretiker oder Phänomenologe fordert seine Leser dazu auf, mit der rechten Hand die Linke zu ergreifen, um sich seines Leibes gewiss zu werden. Ein Ästhetiker kann wiederum dogmatisch davor warnen, dass die Berührung von Kunstgegenständen ihre Erkenntnis verhindere, wie Hegel, der in der Ästhetik Karl August Böttiger scharf rügt, denn sein »Herumtatscheln an den weichen Marmorpartien der weiblichen Göttinnen gehört nicht zur Kunstbeschauung und zum Kunstgenuß«. Ziel der Tagung ist es insgesamt, einen weiteren Schritt in der Beispielforschung zu tun, wie sie das Archiv des Beispiels seit einiger Zeit federführend betreibt. Wie Beispiele mit handgreiflich-operativen Praktiken, Tangibilia, wie Roland Barthes sie nennt, verbunden sind, ist dabei von besonderem Interesse, einschließlich aller Aspekte disziplinierenden Übens. Eine zweite zentrale Frage ist, warum bestimmte Beispiele sich durchsetzen und vielleicht sogar an die Stelle eines komplexen Wissens treten.

Auf der Werbetafel eines bekannten Online-Versandhändlers sieht man das firmeneigene digitale Lesegerät und die Hand, in der es gehalten wird. Einer der verwendeten Slogans lautet: »Lesen wie auf echtem Papier«, was bereits der Produktname Paperwhite verspricht. Was die Werbung präsentiert, ist von den Geräten technisch implementiert: sie wollen dem Leser und seinen Augen nicht nur optisch etwas dem Papier ähnliches anbieten, sondern dazu eine Art taktile Textur, wo nur glatter Bildschirm ist. Nicht allein das Auge, auch die haptischen Sinne sollen angesprochen sein. Die ersten Geräte dieser Art haben gar versucht, durch Falzungen im Rahmen Blätter nachzuahmen und so den Lesern zu suggerieren, dass sie ein blätterbares Buch in der Hand halten, was sich letztlich aber als zu unhandlich erwies. So sind aus diesen Buchsurrogaten Lesegeräte und Tablets geworden, Tafeln so dünn und beinahe vom Format eines Taschenbuchs, mit denen man viel mehr machen kann, als Romane zu lesen und in denen nicht mehr geblättert, sondern auf denen »gewischt« wird. Auffällig ist, dass Leser, die vor der sogenannten digitalen Revolution sozialisiert worden sind, nicht auf das haptische und olfaktorische Erlebnis der Lektüre eines Buches verzichten wollen. Aber die Hypothese, dass diese Sinne für ein bestimmtes Lektüreerlebnis unverzichtbar sind, sogar zum kulturellen Eigenwert des Buches notwendig dazu gehören, kann nur in einer Zeit offenbar werden, die das Verhältnis der Sinne, nicht nur in Hinsicht auf Lesen und Schreiben, durch digitale Medien umstellt. Und tatsächlich bleiben Hand wie Finger (digitus) dabei nicht nur symbolisch auf Benutzeroberflächen im Spiel. Ein interessantes Problem wird sichtbar, das unter anderen Vorzeichen bereits in den ästhetischen Diskursen des 18. und 19. Jahrhunderts verhandelt wird: Wie ist das Verhältnis von Auge und Hand organisiert und wie wird beides in den Geist ›eingebaut‹?

Ästhetik ist nicht nur die Wissenschaft des Schönen, sondern gerade jene Disziplin, in der über die Ordnung der Sinne und ihre Hierarchie verhandelt wird. Hier scheint in den sogenannten westlichen Kulturen das Sehen den ersten Platz zu beanspruchen und sei es als rein geistig-kontemplative Schau, die man Theorie nennen kann. Sie soll letztlich das Sinnliche des Sehens, bekanntlich äußerst anfällig für dämonische Täuschungen, ganz loswerden, was mit bestimmten Berührungsverboten einhergeht. So proponiert etwa Hegel in den Vorlesungen zur Ästhetik, dass künstlerische Gegenstände ausschließlich angeschaut aber keinesfalls berührt werden sollten. Das erläutert er pointiert anhand eines ihn besonders abschreckenden Beispiels: Es handelt sich um einen Besuch der Dresdner Antiken-Galerie mit Fackelbeleuchtung durch Karl August Böttiger, der so fasziniert ist vom Anschein der Lebendigkeit und Weichheit der Statuen, dass er beginnt, »das Fleisch zu betasten, ob es dem Fingerabdruck weiche«. Hegel stellt dazu entschieden fest: »Böttigers Herumtatscheln an den weichen Marmorpartien der weiblichen Göttinnen gehört nicht zur Kunstbeschauung und zum Kunstgenuß«.

Um solches, der reinen Anschauung hinderliches Begehren in den Griff zu bekommen, braucht es paradoxerweise eine unsinnliche Sinnlichkeit, die nur durch das geradezu manipulierende Sehen hergestellt werden kann. So jedenfalls entwirft es Friedrich Theodor Vischer in seiner Ästhetik. Er insistiert darauf, dass beim Abtasten der Dinge mit den Fingerspitzen niemals ein organisches Ganzes wahrzunehmen sei, sondern allein die schlichte Begierde nach dem Material. Das, worum es aber bei der Kunst gehe, nämlich die sinnliche Wahrnehmung der Idee, das »Zusammenfassen in Einem Act«, sei allein die Sache des aufgeklärten Auges. Vischer führt weiter aus, dass mit jedem Sehen der Tastsinn immer schon mitgesetzt sei: »Der Gesichtssinn trägt den über sich selbst erhobenen Tastsinn in sich«. Nur ungebildete Geister hätten diese Setzung nicht entsprechend verinnerlicht, was dazu führt, dass sie unmittelbar Hand anlegten und so die Idee zugunsten des Materials grundsätzlich verfehlen. Eine Theorie darüber, wie der Tastsinn überhaupt in das Auge ›aufgehoben‹ wird, entwickelt später Vischers Sohn Robert, der den unter anderem für die Ästhetik Theodor Lipps‘ so zentralen Term der »Einfühlung« erfindet. Glaubt man dessen ästhetischer Schrift mit physiologischem Anspruch Über das optische Formgefühl, ist es letztlich der taktile Sinn, der das Auge zuallererst über seine Funktionsweise informiert. Jedes wirkliche Sehen ahmt in der gerichteten Bewegung der Augäpfel sozusagen die der Hände nach und schreibt so den Tastsinn in den optischen Kanal ein. Als »anziehende Exempel« dafür dienen »die Silhouette und das Relief«: Hier weise man sich »haarscharf, gleichsam mit der Fingerspitze die Umrisse nach«, fahre »die Flächen, Anschwellungen, Mulden gleichsam mit der breiten Hand nach«, und gelange so erst zu einem »geschlossenen«, nämlich »durchfühlten Gesamtbild«.

Auch auf erkenntnistheoretischer Seite ist Gegenläufiges zu beobachten: Wo das Auge sich täuschen kann, da müssen die Hände, der haptische Sinn überhaupt, ins Spiel gebracht werden, der sich der Materialität und Nähe der Gegenstände zu versichern weiß. Wenn Bischoff Berkeley behauptet, dass Sein eben nur da ist, wo (optisch) wahrgenommen werde, beweist dagegen der Fuß, der schmerzhaft gegen einen Stein stößt, das Gegenteil. Aus solchen Anekdoten können wiederum Beispiele werden, Prüfsteine, die in wissenschaftlichen Diskursen ganze Argumentationen zu Fall bringen. Nicht zufällig sind sie es, die in Erinnerung bleiben. Manche Beispiele, die ganz besonders evident erscheinen, ebnen Übergänge zur Praxis. Sie fordern dazu auf, die Sache selbst auszuprobieren, sie zu berühren oder nachzufühlen. Im äußersten Falle hängt eine ganze Theorie davon ab, wie beispielsweise die Phänomenologie von Maurice Merleau-Ponty, wenn sie den Leib denkt. Wie selbstverständlich taucht eine Hand als Beispiel auf, die den Leib als Ganzes sich selbst versichern muss: »Nicht anders steht es, allem Anschein zum Trotz, mit meinem tastbaren Leib, denn wenn ich auch mit der linken Hand meine rechte befassen kann, indessen diese selbst einen Gegenstand berührt, so ist doch die rechte Hand als der Gegenstand nicht die rechte Hand als berührende: jene ist das auf einen Raumpunkt festgelegte Gebilde von Knochen, Muskeln und Fleisch, nicht aber die schwebend den Raum durchstoßende, einen äußeren Gegenstand an seinem Ort berührend entdeckende Hand. Als die Welt sehender oder berührender ist so mein Leib niemals imstande, selber gesehen oder berührt zu werden. Weil er das ist, wodurch es Gegenstände überhaupt erst gibt, vermag er selbst nie Gegenstand, niemals ›völlig konstituiert‹ zu sein.« Dieses Beispiel, das seine Leser zum Selbstexperiment auffordert, ist wiederum selbst einem Beispiel Husserls aus den Ideen II abgeschaut und wird zum Gemeinplatz, der in keiner neueren Arbeit zur Phänomenologie des Leibes fehlen darf.

Beispielen nachzugehen, die einerseits das metonymische Substitutionsverhältnis von Seh- und Tastsinn betreffen, anderseits selbst in das Verhältnis zwischen Rhetorik, Ästhetik und Epistemologie eingreifen, indem sie nicht nur etwas veranschaulichen und evident machen, sondern zum Praktisch-Werden, zur Handgreiflichkeit, auffordern, soll das Ziel der Tagung sein. Der historische Zeitraum dieser Beispiele ist lang und reicht von der Aufklärung, in der sich das Problem in unserem Sinn konfiguriert, über die entsprechenden Versuche mit Blindgeborenen, Herders Plastik, die System-Ästhetiken des langen 19. Jahrhunderts, samt ihren physiologischen ›Nachfolgern‹. Genauso interessant sind Aby Warburgs und Elias Canettis Kulturtheorien, in deren Zentrum das (ergreifende) Hantieren steht, wie die Spezialdisziplinen der Physiologie, Graphologie oder Psychophysik. Auch an aktuelle prothetische und anthropologische Medientheorien, wie sie in Anschluss an Marshall McLuhan oder André Leroi-Gourhan argumentieren, ist zu denken.